AquaAngelusVox
- Ein Hildegard von Bingen-KlangRaum -

<sabine schäfer // joachim krebs>
c + p 1997/98


Aus Anlaß des 900-jährigen Hildegard von Bingen-Jubiläumsjahrs 1998 hat das Komponisten- und Medienkünstlerpaar Sabine Schäfer und Joachim Krebs eine 16-gliedrige RaumKlangInstallation entwickelt, bei der die Klänge - mittels eines exklusiv entwickelten, computergestützten Raumklangsteuerungssystems - real im Raum bewegt werden.

Ausgehend vom Hildegardschen Weltbild - der auf der Einheit von Gott, Mensch und Welt basierenden ganzheitlich "pantheistischen" Erlebnismystik - soll versucht werden, den unmittelbaren, sinnenhaften und intellektuellen Zugang zur "Wirklichkeit" der Hildegardschen Visionen heute empathisch nachvollziehbar zu machen.

Auf der Grundlage der Vereinigung von Empirie und Metaphysik soll ein ganzheitlich und unmittelbar wirkender "ErlebnisKlangRaum" entstehen, um einen Ort der spirituellen und kontemplativen Meditation über den "Werdenszusammenhang" von Mensch, Natur und Kosmos zu kreieren.
Im Sinne der anthropologischen Kosmologie, in der der Makrokosmos Welt vom Mikrokosmos Mensch her gesehen und verstanden wird (Zitat H.v.Bingen: "Mitten im Weltenbau steht der Mensch - in structura mundi quasi in medio eius homo est"), befindet sich der (hörende) Mensch im Mittelpunkt des Hör- und Klangraums. Er ist umhüllt von real dreidimensional im Raum bewegten Klängen, die unaufhörlich, wie aus einer unversiegbaren Quelle, aus diskret auf drei Höhenebenen im Aufführungsraum verteilten 16 Lautsprechern strömen.

Die RaumKlangkomposition ist, unter Berücksichtigung von klang-ökologischen Gesichtspunkten, ausschließlich aus organischen Klangkomponenten der drei Kategorien Natur - Tier - Mensch geformt und zusammengesetzt.
In ihrem selbständigen und hierarchiefreien Zusammenklang (symphonia) bilden die auf mannigfaltigste Art permanent künstlerisch variierten und transformierten drei Klangebenen Natur (Wasser) - Tier (Vogel) - Mensch (H.v.Bingen Responsorium "De Angelis", Frauenstimme) jede für sich ein charakteristisches KlangMilieu und zusammen ein multilineares, symbiotisches KlangGefüge (harmonia).

AQUA - Die untere Ebene, repräsentiert durch vier in den Ecken des Raums im QUADRAT aufgestellte Bodenlautsprecher, symbolisiert die Erde und die Sphäre der Natur. Diese Klangebene wird mit der "prima materia" - dem Wasser - in sechs seiner wichtigsten Erscheinungsformen (Quelle, Brunnen, Bach, Regen, Fluß und Meer) und symbolischen Bedeutungsebenen - vom Morgengrauen über den Tag hinweg bis zur Nacht - als eine imaginäre HörReise "inszeniert".
In seiner permaneten Präsenz bildet dieses KlangMilieu ein ständig, zwischen purem Naturalismus und künstlich-abstraktem Klangereignis hin und her changierendes, frei fluktuierendes Resonanzfeld für die beiden anderen Klangebenen.

ANGELUS - Inspiriert durch die Worte des "Ewigkeits-Archetypus" aus dem Werk "De Operatione Dei" der heiligen Hildegard: "Die Liebe aber west in kreisender Ewigkeit, ohne Zeit, wie die Glut im Feuer (I,14)" sind auf der oberen Ebene zehn Lautsprecher in einem KREIS angeordnet. Das Hauptklangelement bilden die "Geister der Luft", die "geflügelten Seelen" - die Vögel -, die ein Ensemble von sogenannten "entsubjektivierten Ausdrucksmaterien" (Gilles Deleuze) und abstrakt-rhythmisch-melodischen KlangFiguren kreieren.

Diese entstehen mit Hilfe digitaler Klangprozessoren (Sampler) mittels derer, auf quasi naturwissenschaftliche Weise, die akustisch-molekulare Binnenstruktur der achtzehn in dieser Musik verwandten Vogelstimmen gesammelt, erforscht, hörbar und hiermit für die künstlerische Arbeit verfügbar gemacht werden konnte.
Die Vögel verweisen in ihrer artifiziellen Präsenz somit nicht mehr nur auf sich selbst oder auf ihre nichtklangliche Symbolik, sondern darüber hinaus auf das weite und offene, geschichtlich-kulturelle Assoziationsfeld, welches gemeinhin mit dem Wort "Engel" evoziert wird.

VOX - Das Klangmaterial der mittleren Ebene, abgestrahlt von einem Stereo-Lautsprecherpaar, welches auf den Endpunkten einer den Aufführungsraum waagrecht teilenden LINIE auf ca. 1,50 bis 1,75 m Höhe positioniert ist, wird ausschließlich aus dem gänzlich untransformierten "original" belassenen und von drei Frauenstimmen a cappella gesungenen Responsorium "De Angelis" von Hildegard von Bingen gebildet.
Das Responsorium wurde lediglich, den natürlichen Atem- und Textzäsuren folgend, in einzelne Klangformeln zerlegt und bildet, in seiner original chronologischen Reihenfolge über die ganze Klangkomposition nach streng harmonikal-symmetrischen Gesetzen verteilt, eine statisch "starre" KlangMatrix, welche die für den Menschen linear vergehende Erlebniszeit quasi wie ein Stundengebet strukturiert.
Ein auf allen drei Klangebenen frei "flottierendes" KlangMilieu wird aus der künstlerisch transformierten Frauenstimme generiert und reicht - hier und da immer wieder sporadisch kurz auftauchend - vom puren Atemgeräusch (pneuma) bis hin zu exzessiven Affektlauten.

Zusammen bilden die vier KlangMilieus ein ganzheitlich und unmittelbar wirkendes "HörErlebnis", das u.a. vielleicht zu jener, über alle Zeiten und Kulturen hinweg immer wieder beschriebenen Erkenntnis führt, daß "alles mit allem" auf dieser Welt zusammenhängt und somit in ständiger gegenseitiger Beeinflußung verbunden ist.

Joachim Krebs
Mai 1998